Weil ein Tüp nicht reicht

Anatomie eines hashtags

Am ersten April ist der* hashtag #TüpischTüpen aufgetaucht. Mit satirischen und ernsten tweets zur Geschlechtergerechtigkeit landete er nach wenigen Stunden in den Trends von Twitter. Nach einem Tag verzeichnete er etwa zweihundert aktive Nutzer, eine Reichweite von über hunderttausend Nutzern und eine Million impressions. Auch Tage später war der hashtag noch ziemlich aktiv.

#TüpischTüpen kann wohl als Reaktion auf hashtags zu ähnlichen Themen verstanden werden. Im Januar erschien #ausnahmslos in den Trends, dank dem sauber geplanten Einsatz einer Gruppe bekannter Aktivistinnen und deren Zusammenarbeit mit Medienvertretern, die wenige Minuten nach den ersten Tweets bereits auf Online-Portalen von Zeitungen und Sendern über den neuen „Trend“ „berichteten“. Zu einem tatsächlichen Massenphänomen wurde #ausnahmslos dann dank einer Aktion von Trollen, die unter dem zusätzlichen Label #falschesgrau den hashtag massiv mit sexistischem Material fluteten, um die ursprüngliche Intention ad absurdum zu führen.

Auch #imzugpassiert vom Osterwochenende verdankt seine Nutzerzahlen unwillkommenem Zulauf. Begründet von einer Studentin und unterstützt von einigen Accounts, die sich merkwürdigerweise sonst noch kaum zu Wort gemeldet hatten, wurde dieser hashtag schnell von einem Aufschrei von Gegenstimmen übernommen. Hier zeigte sich bereits, dass viele Twitternutzer genug hatten von hashtags, die den Erfolg von #aufschrei wiederholen wollen, indem sie das sexistische Verhalten von Männern anprangern, und bestehe es auch nur in einem unerwünschten Blick. Aber auch #imzugpassiert standen die traditionellen Medien bei, indem sie diese Gegenstimmen pauschal als Trolle abqualifizierten.

Eine gewisse Stimmung hatte sich angestaut, gegen einen von Massenmedien gestützten Twitter-Aktivismus, der als anti-sexistisch auftritt, aber eines der Geschlechter konsequent schlecht aussehen lassen will. Unter #TüpischTüpen meldeten sich einige dieser kritischen Stimmen zu Wort. Es entlud sich der gerechte und der ungerechte Zorn, aber der Grundton blieb meistens ironisch. Unterstützende Pressestimmen blieben nun aus, und auch keine Welle kritischer Gegenstimmen und keine organisierten Trolle hoben den hashtag in die Charts. Nur die eigentlichen Nutzer waren zu sehen und eine gemeinsame Abneigung gegen den feministischen Hashtag-Aktivismus. In diesem Sinne wollte #TüpischTüpen vielleicht ein „hashtag to end all hashtags“ sein.

Wenn #TüpischTüpen ein hashtag gegen die absurden Auswüchse des Hashtag-Aktivismus ist, dann macht im Vergleich vielleicht gerade der Vorgang seiner „Gründung“ eine dieser Absurditäten deutlich. Weil ich mich am ersten April über einen Zeitungsartikel** geärgert hatte, schrieb ich in einem Tweet, es sei nun genug, ich gebe auf und schließe mich dem Feminismus der Dritten Welle an. Passend zum ersten April wollte ich für den Rest des Tages radikaler Feminist sein und fing damit an, Männer als „Dudes“ und „Tüpen“ zu bezeichnen, so wie ich es auf Twitter gelernt hatte. Daraus entstand dieser Gesprächsfetzen:

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Begeistert von dieser Idee von @identifiziert versuchte ich mich also in einem Aufruf im klassischen Stil:

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Nach ein paar ersten ironischen Tweets wartete ich ab und beobachtete mit Staunen, dass tatsächlich mir fremde Accounts den hashtag zu nutzen begannen und er sich verselbstständigte.

Der ganze Vorgang mag bedeutungslos sein, aber ich glaube jetzt doch etwas verstanden zu haben: Entweder ist ein hasthag-Trend eine geplante Aktion eines Netzwerkes, wie im Fall von #ausnahmslos, oder der Trend wächst organisch, weil eine bereits vorhandene Stimmung zum Ausdruck kommen will. Das Auftauchen eines passenden Schlagwortes ist reiner Zufall. In beiden Fällen sehe ich jedenfalls in der „Gründung“ eines hashtags keine Rechtfertigung, sich als Kopf einer „Bewegung“ oder als Experte für das jeweilige Thema aufzuspielen. Dass mir zufällig eine Wortgruppe auf den Lippen liegt, die andere als Schlagwort mitbenutzen wollen, macht mich weder zum Kenner des Themas, noch zum auserwählten Sprecher dieser Anliegen. Ich kann natürlich nur für mich sprechen (und für @identifiziert mag anderes gelten), aber ich weiß mit Sicherheit, dass jene Äußerungen unter dem hashtag, denen ich mich anschließen kann, von vielen Nutzern mit mehr Sachkenntnis und Überzeugung vertreten werden, als von mir selbst. Ich erkenne nichts an der „Gründung“ eines hashtags, das den Gründer oder die Gründerin dazu auszeichnet, diese Themen nun in Vorträgen, politischen Ausschüssen, Stiftungen, Fernsehtalkshows und Büchern zu vertreten.

Gründer eines hashtags wird man durch Kalkül oder durch Zufall und in beiden Fällen bedeutet es nichts. Wenn ich mir aussuchten dürfte, was von #TüpischTüpen im Ende übrigbleibt, dann wäre es das.

 

P.S.: Den Grimmepreis nehme ich trotzdem, falls jemand ihn mir geben will.

P.P.S.: Ich entschuldige mich bei den Weltraumaffen dafür, dass der Titel dieses Beitrags dem Titel ihres Podcasts zu diesem Thema sehr ähnelt. Dieselbe Entschuldigung geht an die Autorin eines so ähnlich heissenden Buches, deren Name mir gerade nicht einfällt.

 

 

*) Mir ist nicht klar, ob es in korrektem Denglisch der, die oder das hashtag heisst, aber ich denke, der Kontext lässt hier nur eine Wahl zu.

**) Ein Artikel im Guardian, der unterstellte, der Microsoft-Algorithmus „Tay“ sei nur deshalb in wenigen Stunden zum Nazi-Account mutiert, weil sein Avatar einen Frauenkopf zeigte und Frauen auf Twitter eben grundsätzlich immer sofort von Nazis zugemüllt werden.

Literaturkritik fuckyeah!

 

Damit dieses Blog nicht zum maskulistischen Zentralorgan verkommt, wurde ich gebeten, etwas aus meinem bekanntermaßen modernen, feministischen Standpunkt beizutragen. Außerdem sollte es mit Literatur zu tun haben. In der folgenden Sammlung kurzer, literarischer Rezensionen, versuche ich, beides zu kombinieren. Damit es sich auch lohnt, bespreche ich hier gleich mehrere Werke der Weltliteratur.

 


 

Ilias, Autor_In: Homer

Handlung: Ein Hass-Mob weißer Hetero-Dudes zieht sich Sandalen und Bronze-Rüstungen an, fährt zu einer Stadt, von der heute keins mehr weiß, wo sie liegt, und schlägt sich dort brutalstmöglich die Köpfe ein. Alles nur wegen einer bösen, normschönen, als Frau* gelesenen Person: Geburtsstunde eines Klischees halt. Einziger Lichtblick in diesem blutspritzenden, testosteronschwangeren Helden-Dude-Fest: Brad Pitt, wenn er seinen Brustpanzer abnimmt. (Allerdings nicht im Original.)

Bechdel-Test: Nein. Die einzigen beiden Frauen*, die sich unterhalten, sind Göttinen*, und auch die reden die ganze Zeit nur über den sexbesessenen Ober-Macker Zeus.

Bewertung: <3   (1 von 5 kleiner dreis)


 

Faust, Autor_In: Johann Wolfgang von Goethe

Handlung: Die Abenteuer zweier alter, weißer Hetero-Dudes, die dringend ihre Privilegien checken müssen. Der eine von beiden ist gescheiterter Geisteswissenschaftler und mansplaint uns von Anfang an voll, iGoethendem er gleich mal auflistet, was er alles studiert hat. Vom Diskurs moderner Gender-Studies hat er natürlich nie was gehört. Der andere Masku ist schlicht und einfach Satan und zieht halt so sein Satan-Ding durch.

Bechdel-Test: Nope! Die einzige als Frau* gelesene Person in dem Ding ist ’ne cis-Hete, die nur dazu da ist, vom Wissenschaftsdude geschwängert zu werden. Ihr einziger zitierfähiger Satz „Heinrich, wie hältst Du’s mit der Religion“ dreht sich natürlich um den Dude.

Bewertung: 0 (0 von 5 kleiner dreis)


 

Warten auf Godot (Autor_In: Samuel Beckett)

Handlung: Vier weiße Dudes warten auf einen fünften weißen Dude, der einfach nicht auftaucht. Typisch halt. Ansonsten labern die auch nur wirres Zeug, so wie in real life. Eigentlich mal ganz empowernd zu sehen, dass das Leben aus der Dude-Perspektive völlig hohl ist.

Bechdel-Test: Wie gesagt: anwesend sind vier weiße Dudes.

Bewertung: <3  <3  (2 von 5 kleiner dreis)


 

Die kleine Raupe Nimmersatt (Autor_In: Eric Carle)

Handlung: Na toll! Eins darf also fressen so viel eins will, aber selbst als Veganer_In* darf eins am Ende nicht einfach nur fett und empowered bleiben! Ein happy end gibt’s nur, wenn eins sich am Ende in einen normschönen Schmetterling verwandelt! WTF?! Und sowas lesen wir unseren Kindern vor (wenn wir welche hätten)???? Fatshaming deluxe!!!!!1!11!!!!

Bechdel-Test: Ja klar! Ich glaub die beiden Birnen auf Seite vier sind weiblich* und unterhalten sich gerade über Existentialismus.

Bewertung: 0 (0 von 5 kleiner dreis)


 

Deutsche Geschichte des Neunzehnten und Zwanzigsten Jahrhunderts, Autor_In: Golo Mann

Handlung: Der Nachname des Autors ist Programm. Auf über tausend Seiten zeigt der Hofschreiber des Patriarchats hier, wie unsere kartoffelige „Nation“ von alten, weißen Typen aufgebaut und ruiniert wurde, gerade so, wie die gerade Bock drauf hatten. Metternich, Bismarck, Hohenzollern und die Nazis – alles ein großer Masku-Club! Alles andere wird natürlich gehated und gesilenced! Kein Wort über die Rolle der Trans-Personen im preußischen Kriegsrat.

Bechdel-Test: Frau Bismarck fragt ihre Haushälterin, wie sie* für ihren Mann den Hering würzen soll. Allerdings nicht in diesem Buch.

Bewertung: 0 (0 von 5 kleiner dreis)


 

Die Heilige Schrift, Autor_In: Moses, Matthäus und diverse andere Dudes

Handlung: Da muss eins nur das erste Kapitel lesen, um zu sehen, wo der Masku-Hase lang läuft. Aus der Sicht der Dudes sind Feministinnen halt nur so dumme, sprechende Rippen, die zur falschen Zeit den falschen Apfel gegessen haben und dafür jetzt auch noch in den Vorstand der Deutschen Bank befördert werden wollen! Sexistische Kackscheiße im Quadrat! Eine andere Stelle ist allerdings ganz cool, und zwar wenn Jesus – ist das eigentlich der selbe von „what would Jesus do“? – dem einen Typ sagt, er soll wieder aufstehen, und der Typ steht einfach wieder auf. Was ziemlich krass ist, denn der Typ war vorher tot. Krass ist auch die Stelle, wo seine zwölf follower von so Feuerzungen empowered werden und anfangen, voll krasses Zeug zu reden, das keins mehr rafft. Voll der intellektuelle Diskurs also.

Bechdel-Test: Maria von Magdala redet glaube ich mit irgend ’ner anderen als Frau* gelesenen Person mal über ’ne Steinigung oder so. Insofern kann eins das schon durchgehen lassen.

Bewertung: <3  <3  <3  (3 von 5 kleiner dreis)


 

So, das reicht jetzt erst mal. Zum Glück erwartet mich zur Beruhigung jetzt auf meinem Nachttisch das neue Buch von Laurie Penny. Bis bald, meine Süßen! *flausch*❤

 

 

 

 

Die heilige Kirche des Netzfeminismus

Fünf Symptome für den Wandel des Netzfeminismus zur dogmatischen Religion

Es hat sich etwas verändert, in den letzten Monaten. Feministinnen bemerken, dass der Umgangston sich verschärft hat. Woran liegt es? Gibt es im Grabenkrieg zwischen dem Netzfeminismus und seinen Gegnern keine Mäßigung mehr, keinen kompromissbereiten Mittelbau? Haben alle plötzlich den Verstand verloren?

Es gibt eine andere Erklärung für den Niedergang der Diskussionskultur: Der Netzfeminismus selbst ist in eine neue Phase eingetreten. Er hat sich in den vergangenen Monaten von einer radikalen Ideologie zu einer dogmatischen Glaubensrichtung entwickelt. Zu einer Religion. Der Vergleich mit den Kennzeichen der traditionellen Weltreligionen zeigt überwältigende Indizien dafür.

1. Unfehlbarkeit

In der Anfangsphase müssen Glaubensfragen noch ausdiskutiert werden. Wie viele Götter beten wir an? Hat die Auferstehung stattgefunden? Welche Schriften sind heilig, welche nicht? Während der Apostel Paulus seine Römer und Korinther noch überzeugen wollte, gingen spätere Glaubensführer mit härteren Methoden vor, bis schließlich ein einheitliches Dogma übrigblieb. Zwar bleiben einige Fragen immer ungeklärt und Christen wissen bis heute nicht, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen, aber man hat aufgehört, darüber zu diskutieren. Der Übergang in die dogmatische Phase ist vollzogen und hat mit dem Unfehlbarkeitsdogma von 1870 seinen Endpunkt erreicht. Nichts steht nun mehr zur Diskussion.

Der Netzfeminismus hat keine zweitausend Jahre gebraucht, um diese Entwicklung abzuschließen. Nach kürzester Zeit ist ein Zustand erreicht, in dem schlicht und einfach nicht mehr über Inhalte diskutiert wird. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu politischen Ideologien, in denen gerade an den extremistischen linken oder rechten Rändern notorische Uneinigkeit herrscht. Der Netzfeminismus aber diskutiert nicht mehr. Es ist geradezu auffällig, dass feministische Aktivisten auf Twitter zwar sehr sichtbar sind, aber praktisch nie an einer Diskussion teilnehmen. Man hat aufgehört, Andersgläubige argumentativ überzeugen zu wollen, denn Argumente gehören zum Instrumentarium der Politik oder Wissenschaft, aber nicht der Religion. Wer von der einzigen Wahrheit noch nicht erleuchtet ist, muss erst die Evangelien der Gender-Studies lesen. Mit Heiden, denen diese Lektüre fehlt, hat ein Gespräch von vornherein keinen Sinn.

@NX03 Ansonsten wirst du nämlich von den Leuten, mit denen du diskutieren wirst, als Troll wahrgenommen. Just sayin‘-

@NX03:

@thisisTQ ich komm mir grad einfach nur wie der letzte arsch vor, der nur weil er was gesagt hat nen troll is. du weißt doch garnicht ob

@thisisTQ ich darüber was lese oder wie viel oder wie viel ich darüber mit wem diskutiere

(Link zum Original)

2. Die Etablierung einer Priesterklasse

Die Diskursform der Wahl ist folgerichtig nicht mehr der Dialog, sondern die Predigt. Die Kanzel, von der man auf andere herabpredigt, ist das eigene Blog oder das Rednerpult einer netzpolitischen Konferenz, wie kürzlich der Re:publica 2015. Diese Vorträge haben in ihrem mal belehrenden mal unterhaltenden Tonfall den unverkennbaren Zug eines Rituals. In einem inhaltsleeren Vortrag von Anne Wizorek mit seinen Allgemeinweisheiten und bei Wikipedia nachgeschlagenen Begriffsdefinitionen kann es nicht ernsthaft um die Vermittlung von Botschaften gehen, genau so wenig, wie eine katholische Predigt Ungläubige überzeugen will. Stattdessen geht es um das Zelebrieren des Einverständnisses zwischen Predigern und Gemeinde. Es geht um die Demonstration der Zusammengehörigkeit durch das alle Gläubigen vereinigende Dogma.

Um dies regelmäßig zu zelebrieren, etabliert die Glaubensgemeinschaft eine Priesterklasse, die die Berechtigung hat, im Namen des Dogmas zu predigen. Der Zutritt zu dieser Klasse erfolgt nach jahrelanger, aktiver Glaubenstätigkeit, in der die Aspiranten ihre einwandfreie Gesinnung bewiesen haben. In der heiligen Kirche des Netzfeminismus tragen diese Priester den Namen „Speaker_In“ und haben das Recht, sich als „Expert_In“ für ein gewisses, abgegrenztes Sachgebiet zu bezeichnen. Durch Teilnahme an Konferenzen und Podiumsdiskussionen festigen sie ihre Machtstellung innerhalb der Glaubensgemeinschaft.

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3. Die Etablierung einer Verhaltensnorm

Neben dem großen Massenritual, wie dem gemeinsamen Gottesdienst auf der Re:Publica, etabliert die Glaubensgemeinschaft gleichzeitig eine Menge kleiner, nicht zu hinterfragender Alltagsrituale, die der rechtgläubige Feminist selbständig auszuführen hat. Wie der gute Christ sonntags in die Kirche geht, vor den Mahlzeiten ein Gebet spricht und den Namen des Herrn nie respektlos im Munde führt, so nimmt der gute Feminist regelmäßig an den Konferenzen und Kundgebungen teil, gendert sorgfältig alle seine Schriften und spricht stets nur respektvoll über Awareness, Privilegien, Rape-Culture und sonstige sakrale Themen.

Wer von dieser Verhaltensnorm hin und wieder abweicht, mag sich selbst zwar noch als Feminist bezeichnen, aber er ist den Priestern so ungeliebt, wie der nachlässige Christ, der sich nur zu Ostern und Heiligabend in einer Kirche sehen lässt. Er bleibt prinzipiell willkommen, um als Claqueur die Reihen zu füllen, aber man sieht mit bedauern auf ihn herab, weil ihm die nötige Frömmigkeit fehlt. Im Netzfeminismus heißen solche unfrommen Mitglieder „Ally“ oder „Alliierter“ (und sind meistens männlichen Geschlechts).

4. Die Verehrung von Heiligen und Märtyrern

Der Netzfeminismus hat über die Jahre einen sehr ausgeprägten Märtyrerkult entwickelt. Diese Märtyrer und die Opfer, die sie für ihren Glauben erbracht haben, stammen alle aus der vor-dogmatischen Phase des Netzfeminismus, in der es noch offenen Schlagabtausch zwischen Gläubigen und ihren Gegnern gab. In dieser dunklen Vorzeit kam es hin und wieder vor, dass ein Gläubiger für eine besonders fromme oder riskante Äußerung seines Glaubens auf Twitter öffentlich gesteinigt wurde. Der Märtyrertod der Neuzeit ist die vorübergehende Deaktivierung des eigenen Twitteraccounts, um dem Shitstorm zu entgehen. Durchgeführt wurden diese Steinigungen von den Gegnern des Glaubens, die pauschal als „Maskus“, „Trolle“ oder „Hater“ bezeichnet werden.

Viele dieser Märtyrer sind danach von den Toten auferstanden und reisen nun als „Speaker_In“ durch das Land. Durch das ihnen widerfahrene Leid, sind sie zu über jeden Zweifel erhabenen „Expert_Innen“ für das Thema Hass und hate speech im Internet geworden, und lesen in ihren Predigten mit großem Engagement ihr Wikipedia-Wissen zu diesem Themenkomplex vor. Hate speech und das schlimme, schlimme Verhalten der Ungläubigen im Internet scheint für die Glaubensgemeinschaft in letzter Zeit eine wichtigere Rolle zu spielen, als klassisch-feministische Themen. Grund hierfür ist die willkommene Chance, anhand dieses Begriffes die Fronten klar abzustecken. Wer im Sinne der Glaubensgemeinschaft spricht, ist „Ally“, alle anderen sind „Hater“. Diese sind zu blocken, zu ignorieren und am besten ganz aus dem Internet zu vertreiben.

5. Die Verfolgung von Ketzern

Ein Beispiel für die systematische Stigmatisierung der Andersgläubigen ist eine kürzlich unter dem Deckmantel der Amadeu Antonio Stiftung erschienene Handreichung zum Thema hate speech. In einleitenden Texten des Bundesministers Maas und des Sprachwissenschaftlers Stefanowitsch wird der Begriff der hate speech hier zunächst anhand von unzweifelhaften Beispielen für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit eingeführt. Anschließend wird der Begriff dann mit der größten Selbstverständlichkeit von den Autorinnen Schramm, Banaszcuk und Strick auf Feminismus-Kritiker angewandt, die sich durch diese übergangslose Nebeneinanderstellung nun plötzlich auf einer Stufe neben Rassisten und Holocaust-Leugnern wiederfinden.

Neben solchen bewundernswert subtilen Ansätzen, ungläubige Ketzer mundtot zu machen, sind die Ausgrenzungsmechanismen gegen Andersdenkende im Twitter-Alltag etwas leichter zu durchschauen. Als Beispiel hier eine kurze Diskussion über Frau Banaszuks (@lasersushi) Urteil über einen FAZ-Artikel, das Meiner Meinung nach zu hart und unfair ausgefallen war:

 @JournalistinHH:
Sehr lesenswerter Text von @lasersushi. Das ist für mich Auseinandersetzung. […]
@JournalistinHH @lasersushi Extrem wirrer Text mit niveaulosen, persoenlichen Angriffen gegen Journalisten. Tut mir leid, nicht mein Ding.
@JournalistinHH:
@AugustFinger hast du den kritisierten Ausgangstext vollständig gelesen? Ich schon. @lasersushi
@JournalistinHH @lasersushi Habe sowohl den Text von @ahasosojaja als auch den von @lasersushi gelesen, ja.
@JournalistinHH:
@AugustFinger scheint eine Passion zu sein.Gerade deine Tweets überflogen.M.Ideologen unterhalte ich nicht gerne=>keinAustausch mehr mit mir

(Link zum Original)

Was ist hier passiert, warum dieser abrupte Abbruch unseres Meinungsaustausches? Hat meine Gesprächspartnerin sich wirklich von meinen vorangegangenen „ideologischen“ Tweets abgestoßen gefühlt? (Dem kritischen Beobachter sei ein Blick auf meine ach so ideologische Timeline vom 15. Mai ans Herz gelegt.) – Nein, ich denke, das abrupte Ende unseres Gespräches hatte eher etwas mit einer gleichzeitigen Bemerkung Frau Banaszcuks über meine Person zu tun:

@lasersushi:

@JournalistinHH oho, der Adressat ist bei mir geblockt, von daher potenziell: bitte mich lieber aus der Konvo rausnehmen🙂 danke!

@JournalistinHH:

@lasersushi bei mir jetzt auch🙂

(Link zum Original)

Ach, welch verbindendes Gefühl es sein muss, dieselben Leute zu blocken. Die Priester des Glaubens haben ein Interesse an dieser Art von Ausgrenzung, um Diskussionen zu unterbinden, denn es könnte einen Rückfall in die vor-dogmatische Phase bedeuten, wenn man plötzlich wieder mit Ketzern diskutiert. Meinungsaustausch ist unerwünscht.

Wer die Ketzer sind, mit denen die Frommen nicht sprechen dürfen, ist leicht herauszufinden. Sie stehen auf den Twitter-Block-Listen von Leuten wie Banaszuk. Ich selbst bin dort gelandet, nachdem ich eine Antwort auf ein Blogpost geschrieben habe, den man hier unter der Rubrik „Auswärtskommentare“ nachlesen kann. Habe ich mich hier der hate speech schuldig gemacht? Ich denke nein. Aber das spielt keine Rolle, eine abweichende Meinung genügt. Und fortan genügt diese, um von anderen Leuten geblockt zu werden, die keine Ahnung davon haben, warum Frau Banaszuk mich einmal geblockt hat. Von den Speaker_Innen Schramm, Banaszuk, Wizorek (@marthadear), Strick (@Tugendfurie) et al auf Twitter geblockt zu sein ist inzwischen übrigens der Regelfall, und es wimmelt von Leuten, die es nicht einmal mitbekommen, dass sie zum Ketzer abgestempelt wurden. (Siehe unten!)

Ich selbst übrigens bemühe mich, in meinem Umfeld Benachteiligungen zu erkennen und zu verhindern. Ich bemühe mich, meine Privilegien nicht als Vorteile auszuspielen und versuche Frauen in meinem männlich dominierten Beruf zu stärken. Ich hätte ein guter „Ally“ werden können.

Mit einer radikalen Gruppierung aber, die sich in ihrer Abschottung, ihrem Dogmatismus und ihrem Hass gegen andere in nichts mehr von einer Sekte unterscheidet, möchte ich nichts zu tun haben. Ich distanziere mich von diesem Netzfeminismus, und empfehle allen Feministinnen und Feministen, die sich noch einen Funken Dialogbereitschaft bewahrt haben, dasselbe zu tun.

(Bildquelle: Twitter)

Anhang:

Es wird schneller geblockt, als man „Feminismuskritik“ sagen kann

Eine ursprüngliche Screenshot-Sammlung wurde hier durch links zu ebenso aufschlussreichen Tweet-Listen ersetzt:

Link zu „geblockt marthadear“,

Link zu „geblockt tugendfurie“,

P.S.: Obiger Blogpost ist die überarbeitete Version meines Posts vom 16. Mai. Der Text ist unverändert, aber die Twitter-Konversationen sind nun auf Wunsch einer hier zitierten Person nicht mehr durch screenshots wiedergegeben, sondern im Text zitiert und zusätzlich verlinkt.

Ewige Jugend – von Heine bis Genetikk

Das Denken in Schranken und Mustern war immer schon langweilig. Nützliches, notwendiges und zielführendes Denken, vorsichtiges, diplomatisches Denken – das ist was wir selbst Tag für Tag in unseren Bürojobs tun. Davon haben wir im Überfluss. Freies, riskantes, leichtes Denken ist die seltene Kostbarkeit, zu der es uns hinzieht.

In einer 2012 neu herausgegebenen Auflage von Heinrich Heines „Harzreise“ (1824) stellt Hoffmann und Campe Heines Text ein Zitat von Ludwig Börne voran:

Nichts ist dauernd, als der Wechsel, nichts beständig, als der Tod. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst wäre. Sie gewährt uns, was uns die Natur versagt: eine goldene Zeit, die nicht rostet, einen Frühling, der nicht abblüht, wolkenloses Glück und ewige Jugend.

Einen besseren Text hätten die Nachfahren von Heines Zeitgenossen und Verleger Julius Campe für ihren Autor nicht finden können. Ewige Jugend ist das entscheidende Stichwort. Ein Denker wie Heine besaß sie, weil er wach, kokettierend und riskant dachte und schrieb. Er provozierte, gerade mit der Harzreise, zu einer Zeit, als Provokation noch keine Masche war, sondern die Eintrittskarte in die Kerker deutscher Kleinstaaten. Sein Briefwechsel mit Campe zeugt von den Qualen, die beide durch die Veröffentlichung dieses Textes mit der Zensur hatten. Diese Qualen aber kamen nach dem Schreiben. Die Harzreise selbst tritt mit Leichtigkeit jedem auf die (im Fall der Göttingerinnen zu groß geratenen) Füße, der Heine auf seiner Wanderung über den Weg läuft. No fucks are given.

heineHeinrich Heine

Für mich wirft das Börne-Zitat zwei Fragen auf. Die erste ist: Wenn die Dichtkunst uns als einzige das Unbezahlbare geben kann, wolkenloses Glück und ewige Jugend, warum wollen wir dann nicht für sie bezahlen? Die wenigsten deutschen Schriftsteller können von ihren Texten leben, von der „Dichtkunst“ im engeren Sinne ganz zu schweigen. Und selbst Heine konnte es verrückterweise nicht, er ernährte sich von seinem journalistischen Hauptberuf. Der Dichter schenkt uns das größte Glück, aber wir wollen ihm die paar Euro nicht geben, die sein Band kostet. Ist es vielleicht, weil wir unbewusst die Unbezahlbarkeit dieser Kunst allzu wörtlich nehmen und es für uns nur konsequent ist, dass wir das unbezahlbare nicht bezahlen wollen? Befürchten wir, den Dichter mit unseren profanen zwölf Euro an der Kasse der Buchhandlung zu beleidigen, für ein Werk, dessen Wert so unermesslich für uns ist, dass wir es doch nur als Geschenk annehmen könnten? – Oder haben wir vielleicht Börnes Text falsch verstanden? Denn Börne war doch selbst wohl Dichter, und meinte mit „wir“ und „uns“, denen das unermessliche Glück durch die Kunst geschenkt wird, vielleicht gar nicht uns Leser, sondern „uns Dichter“. Das heißt, die ewige Jugend, das wolkenlose Glück behält in Reinform der Dichter selbst und wir Leser können daran höchstens indirekt teilhaben.

Lassen wir das für den Moment mal so stehen und kommen zu einer zweiten Frage, nämlich, wo ist diese ewige Jugend heute, mit ihrer riskanten, provozierenden Leichtigkeit? In unserer Literatur? Die wirklichen Nachfolger aneckender Dichtkunst ohne Skrupel finden sich vielleicht im Mikrokosmos des Hip Hop. Auch hier geht es um Leichtigkeit und Jugend durch Risiko und Provokation, aber der Erfolg dieser Kombination hat daraus längst ein starres Konzept werden lassen, eine durchdachte Marketingstrategie – langweiliges Denken also. Büroarbeit der Label-Bosse. Das Gegenteil von Jugend. Kann man hier trotzdem noch Leichtigkeit und Frische zurückgewinnen, wenn Provokation nur Konzept und jedes Tabu längst im Dienste des Marktes gebrochen ist? Welche ungebrochene Regel kann man noch brechen, was kann einem noch egal sein, was nicht schon allen anderen längst egal ist? Die Antwort gibt das Duo Genetikk, und sie lautet: Der Markt selbst.

genetikkGenetikk (Bildquelle: http://www.selfmade-records.de)

Das von der Gruppe im Jahr 2013 veröffentlichte Album „D.N.A.“ war elf Wochen lang auf Platz eins der deutschen Charts. Auf die Frage, was sich durch diesen für Rap-Verhältnisse sensationellen Erfolg für die beiden Künstler und ihr Arbeiten am nächsten Album geändert habe, antwortet Rapper Karuzo in einem Interview, es habe sich überhaupt nichts geändert. Ohne Beeinflussung durch den komerziellen Erfolg und dem damit verbundenen Wirbel habe man einfach weiter die Musik gemacht, die man machen wollte und im dieser Tage erscheinenden, neuen Album „Achter Tag“ nun den gegenwärtigen Stand der Genetikk-Genese hörbar gemacht. Die Chartplatzierung des neuen Albums werde außerdem ebenfalls egal sein. Denn, so sein Partner Sikk, es gehe ihnen beim Musikmachen um den Moment, wenn eine Nummer fertig ist, und beide sehen, dass es gut war. Genau genommen also das Gefühl des siebten, nicht des achten Schöpfungstages.

Hier ist also scheinbar das wolkenlose Glück, die ewige Jugend, von der Börne schreibt. Der Moment nach dem Schöpfungsakt, den Heine in seinen Herbergen im Harz und Genetikk in irgendeinem Saarbrückener Aufnahmestudio erleben. Eine goldene Zeit, die nicht rostet, ein Frühling der nicht abblüht, und für den man immer weiter macht, von Album zu Album, von Vers zu Vers. Ob das dann danach noch jemand kauft? – Who cares.

Selbstbeschreibungen unbekannter Autoren

Es geht mir hier nicht darum, auf unbekannten Autoren herumzuhacken. – Ich bin selbst einer. Unbekannte Autoren interessieren mich meistens mehr, als bekannte. (Etwas weniger als sehr bekannte vielleicht.) Wenn ich im Internet nach anderen unbekannten Autoren Ausschau halte, kommt mir allerdings manchmal der Brechreiz. Viele dieser Autoren schreiben nämlich am liebsten über das Schreiben und am allerliebsten natürlich über sich selbst und wie, wann und warum sie schreiben. Eine spezielle Form solcher „Schaut her, ich schreibe!“-Texte sind Autoren-Beschreibungen, wie sie für Verlage, Anthologien, Zeitschriften oder natürlich das eigene Blog verwendet werden. Diese lesen sich oft so:

„Schreibi Schreiberson ist 24 Jahre alt und kommt aus Schreibstadt. Sie hat immer schon Geschichten erzählt und aufgeschrieben. Aus ihren ersten Gedichten und kurzen Erzählungen, die sie schon im zarten Alter von minus 12 Jahren zu Papier brachte, ist inzwischen ein ganzer literarischer Kosmos entstanden, der alle Schubladen ihres Schreibtisches längst sprengt. In ihren Geschichten geht es um ihre Gefühle und um Eindrücke, um Menschen und um Dinge. Auf ihren Reisen rund um die Welt hat sie so viele bewegende/wundervolle/bunte Gerüche und Bilder gesammelt, dass sie, wie sie selbst gesteht, damit beschäftigt sein wird, das alles niederzuschreiben, bis sie hundert ist….“

… und so weiter.

Unvermeidlich sind auch „Wenn nicht … dann“-Konstruktionen, wie etwa „Wenn sie nicht gerade veträumt in ihrem Lieblingscafe sitzt und dem Puls der Stadt lauscht, haut sie in ihrer kleinen aber feinen Altbauwohnung in die Tasten ihrer Schreibmaschine.“

Die Intention dieser Texte ist, folgende Punkte rüberzubringen:

  • Die Person schreibt schon, seit sie einen Stift halten kann.
  • Schreiben ist ihre größte Leidenschaft.
  • Sie ist voll verträumt und phantasievoll und so.

Mir persönlich ist egal, wann jemand mit dem Schreiben angefangen hat. Ich habe auch schon in der Grundschule Geschichten geschrieben und gottseidank ist das Zeug in irgendwelchen Kartons und Kellern für immer verschwunden. Ich schäme mich schon für manches, was ich mit 16, 17, 18 geschrieben habe, manchmal sogar für einen Text von vorigem Jahr, da will ich gar nicht wissen, was für einen Schrott ich vor der Pubertät von mir gegeben habe. Und bei allem Respekt, auch Schreibi Schreiberson wird in dieser Zeit nichts geschrieben haben, was ich heute lesen möchte.

Es interessiert mich auch nicht, ob das Schreiben für jemanden eine besondere Leidenschaft ist. Über die Qualität der Texte sagt das nämlich leider nichts aus. Es mag sein, dass das Schreiben eines Textes für den Autor die größte Freude und Erfüllung war, für mich als Leser kann der Text trotzdem eine Qual sein. Wenn statt der ganzen Schwärmerei über das Schreiben jemand behaupten würde, er habe über jeden Satz lange nachgedacht und sich sehr lange und kritisch mit der Konstruktion seines Textes beschäftigt, dann würde mir das vielleicht mehr darüber sagen, ob ich den Text lesen will. Aber so etwas schreibt niemand, weil sich das Schreiben hier plötzlich nach etwas ganz unattraktivem anhört: nach Arbeit.

Zum letzten Punkt. Ich mag veträumte und phantasievolle Menschen, aber ich will mich nicht für die Dauer eines Romans in ihre Gewalt begeben. Ich mag im Prinzip Leute wie Amélie aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Aber Amélie ist die Protagonistin und Erzählerin dieses Filmes, nicht dessen Autorin. Die Autoren sind Jean-Pierre Jeunet und Guillaume Laurant, und ob die mit ihrer Hauptfigur irgendeine Ähnlichkeit haben, kann ich nicht beurteilen, aber ich stelle mir zwei Filmprofis vor, die viel nüchterne Arbeit in ein gutes Drehbuch stecken. Inspiration und magische Momente mag es geben, aber gerade dieser Film handelt davon, dass es sie überall gibt und jedem zugängig sind. Die Magie zu sehen mag eine Kunst sein, aber sie in einem Text zu erfassen ist nochmal eine andere, und diese hat vermutlich mehr mit ermüdender, entnervender Arbeit zu tun, als es einer Amélie recht sein kann.

Auch der große Verweigerer der Selbstdarstellung, Jerome D. Salinger, hat ganz zu Beginn seines schriftstellerischen Ruhms eine Selbstbeschreibung verfasst. Und auch sie kommt nicht aus, ohne auf die Anfänge der Schreibtätigkeit in früher Jugend zu verweisen, aber ich finde, an ihrer angenehmen Nüchternheit kann man sich trotzdem ein Beispiel nehmen:

„[…] A happy tourist’s year in Europe, when I was eighteen and nineteen. In the Army from ’42 to ’46, most of the time with the Fourth Division. I’ve been writing since I was 15 or so. My short stories have appeared in a number of magazines over the last ten years, mostly – and most happily – in The New Yorker. I worked on The Catcher in the Rye, on and off, for ten years.“

Dieser Text und ein Foto von Salinger erschienen im Bucheinband  von „The Catcher in the Rye“. Und als dieses zu einem der meistgelesenen Büchern aller Zeiten wurde, verschwanden sie wieder daraus. No further explanation needed.

Der Fall Poseidon

In einem Paralleluniversum würde dieser Text so anfangen: Am siebten April hat eine Gruppe Maskulisten im Berliner Viktoriapark eine Bronzestatue „umgestaltet“. Die Statue „Ein seltener Fang“ des Bildhauers Ernst Herter (1846-1917) zeigt den Gott Poseidon, der eine Meerjungfrau im Fischernetz aus dem Wasser zieht und sie auf eine Art festhält, die eine Assoziation mit einer sexuellen Handlung zulässt. Mit einer Vergewaltigung also.

Poseidon

Der männliche Part dieser Figurengruppe, Poseidon, wird hier dargestellt als der Vergewaltiger des weiblichen Parts. Die maskulistische Aktivistengruppe HdB (für „Hinter den Bierbäuchen“) wehrte sich nun symbolisch gegen diese einseitige Darstellung des männlichen Geschlechts, indem sie Poseidon eine „Guy Fawkes“-Maske und ein T-Shirt mit der Aufschrift „not all men“ anzogen. Der Meerjungfrau gaben die Aktivisten eine Pistole in die Hand.

Auf ihrer Internetseite erklären die Aktivisten die Wahl ihrer Symbole: Die durch die Organisation „Anonymus“ bekannt gewordene Maske solle verdeutlichen, dass der Mann hier als solcher, also als anonyme, grundsätzlich gewaltbereite Figur dargestellt werde. Die Aktion sei eine Kritik dieser Sichtweise und eine Aufforderung, Männer endlich als Individuen zu betrachten, und nicht jeden Fall einer vorgeworfenen Vergewaltigung als eine weitere Bestätigung der Gewaltbereitschaft des „vergewaltigenden Geschlechts“ zu sehen. In ihrem Text beziehen sich die Aktivisten hier explizit auf den spektakulären Fall einer erfundenen Vergewaltigung in den Vereinigten Staaten, und nennen diesen als konkreten Anlass ihrer Aktion.

Die Aufschrift des T-Shirts, so die Aktivisten weiter, solle unterstreichen, dass eben nicht alle Männer Vergewaltiger seien. Die Waffe in der Hand der Meerjungfrau solle symbolisieren, dass auch Frauen Urheber von Gewalt sein können. Es sei ihnen bei dieser Aktion darum gegangen, so die Aktivisten, das gängige Rollenbild einmal umzukehren, so dass die Frau einmal als die Gewaltausübende dargestellt ist. Es gehe bei dieser ganzen Aktion, darum, sich dagegen zu wehren, dass der Mann in der Öffentlichkeit im Kontext von Sexualdelikten immer als Täter dargestellt werde, nie als Opfer.

Das alles gilt aber wie gesagt nur in einem Paralleluniversum. In unserer wirklichen Welt ist alles genau andersherum. Poseidon wurde im Viktoriapark maskiert, mit einem T-Shirt bekleidet und anschließend erschossen, aber nicht von Maskus mit Bierbäuchen, sondern von der feministischen Gruppe namens „Hinter den Brüsten“. In ihrem Bekennerschreiben ist genau nachzulesen, dass die Maske als Kritik an sexistischen Tendenzen von „Anonymus“ zu verstehen sei, das T-Shirt sich als Zitat auf Reaktionen auf einen Amoklauf in den USA beziehe, und dass sie der Meerjungfrau die Pistole in die Hand gegeben haben, damit sie den Vergewaltiger Poseidon endlich erschießen könne. Die Aktion, so die Aktivistinnen, sei gegen Sexismus und „Rape Culture“ gerichtet.

Vielleicht geht es nur mir so, aber irgendwie machen beide Deutungsmöglichkeiten für mich Sinn, und das ist etwas verwirrend. Was die versponnenen Maskulisten sich in meiner Phantasieversion der Aktion zurechtreimen ist nicht völlig jenseits der Logik, und auch was die Feministinnen hier symbolisieren und deuten wollen, macht irgendwie Sinn. Die Darstellung einer Vergewaltigung – und nur Ernst Herter selbst wird gewusst haben, ob er wirklich eine solche darstellen wollte (was aber auch keine Rolle spielt) – bietet offenbar zwei mögliche Lesarten und deshalb zwei völlig verschiedene Angriffsflächen. Die Feministinnen glauben, die Darstellung zeige die Vergewaltigung als gesellschaftsfähigen Akt und als Normalität einer „Rape Culture“, in der wir angeblich leben. Die (zugegebenermaßen frei erfundenen) Maskulisten sehen, weil sie die Vergewaltigung eben nicht als Normalität sondern als Verbrechen verstehen, in ihrer Darstellung vorwiegend die Darstellung ihres archetypischen Geschlechtsgenossen als Verbrecher, und deshalb eine Brandmarkung ihres gesamten Geschlechts. Die Rolle des Täters- und des Opfers dieser Darstellung (wohlbemerkt aber nicht der Vergewaltigung) wechselt, je nach Lesart.

Vielleicht ist das alles nur eine abstrakte Spielerei, die dem Thema nicht gerecht wird, aber vielleicht sind die genannten Widersprüche auch gerade diejenigen, die die Debatte um das Thema gerade vor kurzem wieder so hochkochen lassen. Die Verwerflichkeit von Vergewaltigungen, die Poseidon und seinen antiken Schöpfern vielleicht nicht so klar war, bestreitet heute wohl niemand, aber das ist auch nicht die Frage. Die Frage ist: Wer ist das Opfer? Denn, so die immanente Logik moralischer Debatten: Das Opfer hat recht. Wer ist also das Opfer? Das Opfer von Vergewaltigungen sind in aller Regel Frauen (auch wenn es Gegenbeispiele und Grauzonen gibt, wie Malte Welding beschreibt), aber die Opfer der öffentlichen Darstellung konkreter Fälle, oder des Themas im Allgemeinen, können Männer sein.

Die meisten Teilnehmer der Debatte teilen jedenfalls ein unschätzbares Privileg: Sie waren weder Opfer einer Vergewaltigung, noch sind sie je verdächtigt worden, jemanden vergewaltigt zu haben. Dieses Privileg entbindet nicht von einer Teilnahme an der Debatte, aber es verpflichtet zu Ruhe und Sachlichkeit, egal auf welchem Standpunkt.

Bildquelle: http://www.hinterdenbruesten.de

Die vier Säulen des Hasses

Woher kommt all der Hass im Netz? Warum gehen so viele Diskussionen schief und enden im Shitstorm? – Vier Kriterien für eine Analyse

Das Internet ist der Ort, an dem Meinungsverschiedenheiten mit besonderer Heftigkeit und Brutalität ausgetragen werden. Massenmedien und andere Institutionen haben dieses Problem nun unter Labels wie „Hatespeech“ etc. entdeckt, und es besteht offenbar das Bedürfnis, sich der Sache von theoretischer Seite her zu nähern. Wir Rheintöchter haben aber den Eindruck, dass dieses Feld häufig genau den falschen Leuten überlassen wird, nämlich denen, die selbst Hass im Netz verbreiten und regelmäßig dazu beitragen, dass eine Meinungsverschiedenheit nicht nach den Regeln der Höflichkeit und Rationalität ausdiskutiert wird. Wer durch eigene Hasspredigten einen Shitstorm erzeugt hat, scheint dadurch bereits qualifiziert zu sein, sich als „Speaker_In“ oder sonstwie benannter Analyst über all den Hass im Netz aufregen zu dürfen, den die bösen anderen immer verbreiten.

Wir Rheintöchter, die wir uns immer engelsgleich zurückgehalten haben *räusper* und in Shitstorms immer nur den ganz gemäßigten Shit beitrugen, fühlen uns deshalb der vielbeschworenen „Netzgemeinde“ verpflichtet, von unserem objektiven Standpunkt der göttlichen Klarsicht her, vier Kriterien beizusteuern, an denen man ablesen kann, ob eine Meinungsverschiedenheit überhaupt zivilisiert ausdiskutiert werden kann, ober ob das hasserfüllte Gekeife nicht von vornherein vorprogrammiert ist.

Diese vier Kriterien sind:

1) Überprüfbarkeit: Es ist zu irgendeinem Zeitpunkt nach objektiven Kriterien entscheidbar, wer recht hat.

2) Unwissenheit: Die Kontrahenten sind sich bewusst, dass sie nur eine Meinung oder Hypothese vertreten, nicht einen Fakt.

3) Distanz: Die Kontrahenten sind vom Gegenstand der Diskussion selbst nicht, oder nur unwesentlich, persönlich betroffen.

4) Amoralität: Der Gegenstand der Diskussion hat keine moralische Komponente.

 

Beispiel 1: Zwei Meteorologen diskutieren darüber, ob es morgen hageln wird.
Überprüfbarkeit: ja. Morgen wird sich zeigen, wer von beiden recht hat.
Unwissenheit: ja. Beide sind sich bewusst, dass sie nur Hypothesen vertreten, aber nicht sicher sein können, ob es morgen hagelt.
Distanz: ja. Wenn beide ihre Autos in die Garage fahren kann es ihnen persönlich egal sein, ob es morgen hagelt.
Amoralität: ja. Das Wetter hat keine moralische Komponente. Zu glauben, dass es hagelt, ist moralisch genauso in Ordnung, wie zu glauben, dass es nicht hagelt.

Beispiel 1 hat die besten Aussichten auf eine höfliche, hassfreie, eventuell sogar für beide Parteien bereichernde Diskussion. Sobald eines der Kriterien nicht mehr erfüllt ist, beginnen die Schwierigkeiten.

Beispiel 2: Ein Meteorologe und ein fest überzeugter Laie diskutieren darüber, ob es morgen hageln wird
Alle Parameter sind so wie in Beispiel 1, nur die Unwissenheit ist nicht mehr erfüllt: Der Laie glaubt aus irgendeinem Grund sicher zu wissen, dass es morgen hagelt. Er glaubt deshalb, den Meteorologen nicht überzeugen sondern über einen Fakt belehren zu müssen, während dieser den Laien über den Hypothesencharakter der Meteorologie belehren will. Misstöne sind vorprogrammiert.

Kommen wir zu den Klassikern der gescheiterten Diskussionen im Netz, den sicheren Quellen des Hasses:

Beispiel 3: Ein religiöser Mensch diskutiert mit einem überzeugten Atheisten (oder Andersgläubigen) über ein religiöses Thema, wie etwa die Existenz Gottes
Überprüfbarkeit: nein. Per Definition.
Unwissenheit: je nach Grad der Überzeugtheit der Beteiligten
Distanz: nein. Religiöse Fragen betreffen typischerweise jeden auf sehr persönliche Weise.
Amoralität: nein. Sowohl der Gläubige als auch der Atheist glauben sich jeweils auf einem höheren moralischen Standpunkt.

Alle vier Kriterien verfehlt. Kein Wunder, dass so etwas nicht einmal dann gut gehen kann, wenn relativ zivilisierte Zeitgenossen wie etwa Richard Dawkins und irgendein Erzbischof mit einander ins Gespräch kommen. Zu guter letzt und aus sich täglich erneuerndem, aktuellem Anlass, die Mutter aller zum Scheitern verurteilten Diskussionen:

Beispiel 4: Eine Feministin diskutiert mit einem männlichen Feminismus-Gegner/Skeptiker ein Thema der Geschlechtergerechtigkeit, zum Beispiel Quote
Überprüfbarkeit: in der Regel nein. Eine diesen Themen oft aufgestülpte Wissenschaftlichkeit beruft sich bestenfalls auf Statistiken, zu denen sich auch die Gegenstatistik finden lässt. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge sind in der Regel komplex und richtig und falsch hängt von der Perspektive ab.
Unwissenheit: hängt stark von den Beteiligten ab, im Falle radikaler Feministinnen und Maskulisten: leider nein.
Distanz: nein. Jeder der sich selbst einem Geschlecht zuordnet ist persönlich betroffen.
Amoralität: leider nein. Es wird typischerweise eine moralische Komponente hineingedeutet.

Aber Beispiel 4 ist vielleicht nicht so hoffnungslos, wie es scheint.  Es lässt sich vielleicht wie folgt retten:
Überprüfbarkeit: Eine genauere Formulierung der Standpunkte kann manchmal helfen, dieses Kriterium zu erfüllen. Eine Aussage wie „die Quote wird gut für uns sein“ erfordert die Präzisierungen: „Wer ist ‚uns‘?“ und „Was ist ‚gut‘?“ Geht es um die Anzahl von Frauen in Führungspositionen? Geht es auch um die Zufriedenheit dieser Frauen und ihre Qualifiziertheit im Vergleich zu männlichen Mitbewerbern? All das ist überprüfbar, aber „gut“ alleine ist noch nicht überprüfbar.
Unwissenheit: Wir müssen uns eingestehen, dass wir die Frage mindestens zum Teil aus der Perspektive unseres Geschlechtes sehen, und dass uns diese Perspektive weder im einen noch im anderen Fall eine absolute, unumstößliche Wahrheit offenbart. Was ein Übergriff ist, was Gewalt ist, was Vergewaltigung ist, können wir eventuell anhand von Fakten entscheiden, aber unsere geschlechtliche Perspektive allein ist keine Garantie für einen Wahrheitsanspruch.
Distanz: Wir haben meistens die Chance, einen größeren gefühlten Abstand zwischen uns und dem Gegenstand der Diskussion herzustellen. Wenn auf Twitter jemand die Quote fordert, heißt es nicht, dass übermorgen alle Männer ihren Job verlieren. Meistens geht es nur sehr indirekt um uns selbst.
Amoralität: Es gibt in der modernen Philosophie (zum Beispiel in den Werken von Derek Parfit) Ansätze, objektiv-rationale Entscheidungsgrundlagen für moralische Fragen zu entwerfen. In der Praxis kann das viel leichter sein, als in der Allgemeinheit. Es genügt vielleicht oft, sich auch hier zuerst auf gemeinsame Nenner zu einigen. Was bedeutet „gut für die Gesellschaft“, „gut für die Frauen“ konkret?

Wir freuen uns auf nicht notwendigerweise überprüfbare, unwissende, distanzierte, amoralische, aber auf jeden Fall hassfreie Kommentare zum Thema.